Vom Herzstolpern bis zum Herzrasen

In unserer Schwerpunktreihe HRV-Insight behandelt und dokumentiert der CEO und medizinischer Leiter der Autonom Health GesundheitsbildungsGmbH Dr. med. Alfred Lohninger unterschiedliche HRV-Themen, darunter auch aktuelle HRV-Forschungsbereiche. In diesem Newsletter wollen wir uns dem wichtigen und immer wieder nachgefragten Thema Herzrhythmussstörungen widmen!

 

 

Vom Rhythmus des Herzens

Das Herz besteht aus zwei Hälften, die wiederum aus jeweils zwei Hohlräumen bestehen, zwei Vorhöfen und zwei Kammern.
Das Blut im Körper zirkuliert, weil jeder Hohlraum immer wieder erschlafft und dabei Blut ansaugt, um sich danach zu kontrahieren und Blut in den Körper zu pumpen. Damit dies koordiniert abläuft, funktioniert jede Herzmuskelzelle sowohl als Muskelzelle, die sich zusamenziehen und erschlaffen kann, als auch als Nervenzelle, die elektrische Impulse erzeugen und auch weiterleiten kann.

Solche elektrischen Impulse lösen den Herzschlag aus – ausgehend vom sogenannten Sinusknoten im rechten Vorhof des Herzens – in einer auf den aktuellen Bedarf abgestimmten Frequenz und sich wie eine Welle auf den gesamten Herzmuskel ausbreitend.
Wenn es zu Störungen bei der Bildung der elektrischen Impulse kommt, die einen Herzschlag auslösen oder die Weiterleitung dieser Impulse nicht mehr auf die gewohnte Art funktioniert, nennt man das Herzrhythmusstörungen.

 

Abb. 1: Das Herz mit seinen Herzkammern und dem Sinusknoten in grün links oben
Quelle: Adobe Stock Datei Nr. DATEI NR.:  36614106

 

Wenn das Herz stolpert

„Außerordentliche“ Kontraktionen, sogenannte Extrasystolen treten immer und auch bei gesunden Menschen auf. Bis zu 500 Extrasystolen in 24 Stunden sind vollkommen normal. In bestimmten Fällen können sie aber auch Symptom einer ernsthaften Herzerkrankung sein. Als Notfall gelten ausgeprägte Arrhythmien, also Herzrhthmusstörungen, die mit Schwindel und Bewusstlosigkeit einhergehen.

Werden Extraschläge subjektiv wahrgenommen beschreiben es Betroffene als Herzstolpern. Je nach Begleitsymptomatik, Zusatzbefunden und Häufigkeit des Auftretens erfolgt die Abklärung durch ein Langzeit-EKG (1 bis 7 Tage) mit mehreren Ableitungen. Auch unsere Software zeigt – gerade im Tachogramm – Hinweise auf Herzrhythmusstörungen.

 

Abb. 2: Phasenweise Herzrhythmusstörungen von 16.00 bis 22.00 Uhr im Lebensfeuerbild
Quelle: Autonom Health 2022

 

Abb. 3: Phasenweise Herzrhythmusstörungen ausgewiesen im Tachogramm
Quelle: Autonom Health 2022

 

Abb. 4: Phasenweise Herzrhythmusstörungen erkennbar in Scatterplot und Histogramm
Quelle: Autonom Health 2022
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Was sind Auslöser für Herzrhythmusstörungen?

Neben Erkrankungen des Herzens selbst wie z.B. Entzündungen oder altersbedingtes Schlafferwerden des Herzmuskels können auch Folgen eines Herzinfarkts oder Funktiosstörungen im Hormonsystem – hier vor allem der Schilddrüse – aber auch Störungen im Elektrolythaushalt, wie z.B. Kaliummangel im Zuge von Durchfall-Erkrankungen Auslöser sein.

Äußere Ursachen für Herzrhythmusstörungen können zum Beispiel sein:

• Nervosität, Aufregung, Angst
• Übermäßiger Konsum von Energydrinks
• Alkoholkonsum
• Konsum von Drogen und Giften
• Nebenwirkung einiger Medikamente (Schilddrüse, bestimmte Psychopharmaka)
• Starker Blähbauch (Meteorismus)
• Fieberhafte Infektionen
• Reizung des sogenannten Karotissinus-Knotens: Das ist ein Rezeptor an der Hauptschlagader am Hals, der zum Beispiel durch einen engen Schal oder Kragen, Kopfüberstreckung oder Schlag/Druck gereizt werden kann. Die Folge ist eine starke Verlangsamung des Herzschlages bis hin zur Ohnmacht. Bei überempfindlichem Karotissinus spricht man vom Karotissinus-Syndrom.

 

Herzrasen

Wenn das Herz plötzlich sehr schnell schlägt, ist das oft als Herzrasen oder starkes Herzklopfen (Palpitationen) zu spüren. Der Puls kann dabei durchaus im Bereich von 200 Schlägen pro Minute liegen. Solch plötzliches Ansteigen auf derart rasend schnellen Puls ist unangenehm und macht bei den Betroffenen oft große Angst.

Das gutartige Herzjagen setzt meist sehr plötzlich ein und endet häufig auch von selbst. Da die Anfälle unberechenbar sind, können sie den Alltag deutlich einschränken. In vielen Fällen lässt sich das Herzrasen durch das „Betätigen der Vagusbremse“, also das Trinken von kaltem Wasser, tiefes Atmen oder Luft ruckartig in den Bauch pressen, beenden.
Bei entsprechender Indikation können Medikamente oder gegebenenfalls eine thermische Zerstörung der als verursachend identifizierten Herzmuskelzellen in Form der sogenannten Katheterablation solche Anfälle verhindern.

 

Abb. 5: Herzrasen mit 211,52 Durchschnittspuls über 49 Minuten und 55 Sekunden (max HR 229,89 BpM). Quelle: Autonom Health 2022

 

 

Abb. 6: Einige Minuten der Episode von Herzrasen im Tachogramm
Quelle: Autonom Health 2022

 

Abb. 7: Scatterplot und Histogramm
Quelle: Autonom Health 2022

 

Vom Herzrasen zum Kammerflimmern

Einzelne Extraschläge, sogenannte Extrasystolen, verkraftet ein gesundes Herz, selbst wenn die Extraschläge nicht vom Vorhof, sondern von der Herzkammer stammen. Liegt eine Herzerkrankung vor, kann es sein, dass viele zusätzliche Impulse den Herzmuskel dazu zwingen, sich schnell zusammenzuziehen. Es kommt zur Kammertachycardie. Je schneller das Herz bei einer Kammertachycardie schlägt, umso bedrohlicher ist die Herzrhythmusstörung.
Schlägt es mit einer Frequenz von 250 Schlägen pro Minute und mehr, spricht man nicht mehr von Kammertachycardie, sondern von Kammerflattern.
Steigt die Frequenz auf 320 Schlägen pro Minute handelt es sich um Kammerflimmern. Der Kreislauf kommt zum Erliegen, es kommt zur Bewusstlosigkeit und innerhalb weniger Minuten zum Tod. Ein Stromstoß (Defibrillation) innerhalb der ersten Minute nach dem Kollaps erhöht die Überlebensrate auf bis zu 90%.

 

Vorhofflimmern

Die in der HRV eindrucksvollste, weil als immens hohe Variabilität der Herzschlagfolge imponierende Herzrhythmusstörung ist das Vorhofflimmern (VHF) bzw. im englischen Atrial Fibrillation (AF). Das Vorhofflimmern zeichnet sich dadurch aus, dass der Schrittmacherimpuls nicht mehr vom Sinusknoten ausgeht.

Es handelt sich um die am häufigsten auftretende Herzrhythmusstörung in entwickelten Ländern! Allein in Österreich leiden etwa 230.000 Personen daran. Da die Erkrankung bei 50 Prozent ohne spürbare Beschwerden auftritt, gibt es sogar noch wesentlich mehr Betroffene. Laut Schätzungen ist die Dunkelziffer von Menschen mit unerkanntem und somit unbehandeltem Vorhofflimmern hoch. Da Betroffene – vor allem ab dem 65. Lebensjahr – ein erhöhtes Risiko haben, einen Schlaganfall zu erleiden, ist es besonders wichtig, Vorhofflimmern rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln.

Vorhofflimmern zeigt sich in verschiedenen Formen:

 

  • Paroxysmales Vorhofflimmern: Diese kurzfristige Form von Herzstolpern endet in der Regel innerhalb von 48 Stunden von selbst. Auch Vorhofflimmer-Episoden, die im Laufe von sieben Tagen selbst in den Sinusrhythmus zurückkehren oder durch eine Therapie zum Ende gebracht werden, zählen zu dieser Form.
  • Persistierendes Vorhofflimmern: Bei dieser Form hält das Vorhofflimmern länger als sieben Tage an. Dazu zählen auch Episoden, die frühestens nach einer Woche durch eine Therapie beendet werden.
  • Langanhaltendes, persistierendes Vorhofflimmern: Hierbei handelt es sich um ein Herzstolpern, das seit mindestens einem Jahr bestand, bevor die Entscheidung gefällt wurde, eine Behandlung zur Rhythmuskontrolle zu beginnen.
  • Permanentes Vorhofflimmern: Diese Art von Vorhofflimmern wird vom Patienten und Arzt als nicht therapierbar akzeptiert. Es kommt zu keiner Behandlung im Sinne einer Rhythmuskontrolle.

 

Abb. 8: Permantes Vorhofflimmern im Lebensfeuerbild
Quelle: Autonom Health 2022

 

Abb. 9: Permanentes Vorhofflimmern im abgegrauten – weil durchgängig gefilterten – Tachogramm. Quelle: Autonom Health 2022

 

Abb. 10: Permanentes Vorhofflimmern in Scatterplot und Histogramm
Quelle: Autonom Health 2022
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